Der jüngste Werkzyklus trägt den Titel „THE GRASS IS GREENER“. In dieser neuen Reihe von Arbeiten widmet sich die Künstlerin der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und deren Erinnerung – eine Reflexion, die sich gleichermaßen von Sanftheit und einer poetischen Tiefe geprägt zeigt. Vergangene Geschichten und Ereignisse, so scheint die Botschaft, bleiben präsent, dennoch wird es erlaubt, „Gras darüber wachsen zu lassen“ – jedoch in einer Form, die milder ist, die eine neue Qualität des Friedens und der Vergebung erlangt. Unter diesem metaphorischen „Gras“ entsteht so eine Grünheit, die eine transformative Wirkung auf vergangene Realitäten hat, indem sie ihnen eine neue Sanftheit verleiht.
Die Werke, oft großformatig, legen die darunterliegenden Strukturen in subtiler Weise offen. Dabei gibt die Künstlerin den Blick frei auf die Schichten der Erinnerung, die sich unter der Oberfläche verbergen. Inspiriert wurde dieser Werkzyklus unter anderem durch eine Textzeile aus dem Song „High Hopes“ von Pink Floyd – eine musikalische Referenz, die Birgit Schweiger bereits in ihrer Jugend begleitet hat und hier als Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Reflexion dient.
In ihren Arbeiten übereinandergelegte und ineinander fließende Farbschichten in sanften Grün- und Gelbtönen werden zunächst in Ruhe getrocknet, nur um später „geöffnet“ zu werden. Dieser Prozess des Wiederfreilegens dient als bildhafte Metapher für das „Tor zur Vergangenheit“. Szenen und Erinnerungen mischen sich, werden jedoch nicht nur als etwas Historisches dargestellt, sondern sind verwoben mit gegenwärtigen Gefühlslagen und alltäglichen Erlebnissen. Diese Vermischung findet ihren Ausdruck in der feinen Linienführung hinter der dichten Grünheit der Farbschichten – eine Art zeichnerische Sprache, die sie in dem ihr eigenen Duktus anwendet, um die Oberfläche sanft zu durchbrechen. Das, was die Künstlerin an die Oberfläche bringen möchte, bleibt dabei bewusst unbestimmt, eine Andeutung, die dem Betrachter Raum für eigene Interpretationen lässt.
Filigrane weiße Linien ziehen sich zart über die grüne Fläche der Werke, um dann in eine Schwarz-Weiß-Zeichnung überzugehen. Figürliche Motive wechseln sich ab mit kreatürlichen Darstellungen – verbunden durch die für sie charakteristische Weise, alles miteinander zu verknüpfen. Es entsteht ein dichtes Netz aus Bezügen, das die Vielschichtigkeit der menschlichen Erfahrung zum Ausdruck bringt. Dieser Schaffensprozess ist ein hermeneutischer Vorgang, bei dem Geschichten im neuen Kontext interpretiert und umgedeutet werden, während gleichzeitig eine Form der Milderung und Distanzierung von den Härten der Vergangenheit ermöglicht wird.
Die Frage, implizit aufgeworfen wird, lautet: Warum sollte sich die Hermeneutik, das Bestreben, Bedeutung zu erschließen, nur auf Texte beschränken? Ihre Arbeiten zeigen auf, dass auch die bildende Kunst ein Mittel sein kann, um Bedeutungen im Kontext zu verhandeln, um Vergangenes zu verstehen und ihm mit neuen Perspektiven zu begegnen. Es ist dieses ständige Wechselspiel aus Verhüllen und Enthüllen, das Birgit Schweigers Werkzyklus „THE GRASS IS GREENER“ auszeichnet – eine künstlerische Einladung, unter der grün schimmernden Oberfläche das zu entdecken, was sich vielleicht verändert hat, und das, was möglicherweise noch immer auf Resonanz wartet. Text: Die Künstlerin













