Aesthetik des Plastiks

DIE ÄSTHETIK DES PLASTIKS – Kannelurenkommunikation 

Inspiriert von der Notwendigkeit, alles im Atelier anlässlich einer Residency (Villa Rabl, Bad Hall, Sommer 2021) abzukleben. Mit Folie, mit Plastik, mit Flies.

Wind formt zarte Figuren an den Kanneluren. Immer anders. Ganz ruhig. Eine fast unheimliche Gelassenheit und gleichzeitige Bestimmtheit formt Körper, zarte, durchsichtige Körper. Figuren entstehen und verschwinden wieder. Ephemere Ästhetik. Melancholische Gedanken tauchen auf. Plastik geschlungen um antikische Säulen? Eine verbotene Schönheit öffnet sich. Die Säulen wehren sich nicht, lassen das zarte Wesen sie umschlingen, sich aufbäumen, verwehen und wieder vergehen. Zartheit zeugt auch vom Menschsein. Der Gegensatz stört sich nicht am Anderen. Wann wird die Zersetzung beginnen? Wird es den Menschen überdauern? In seiner Gelassenheit, in seiner ihm inhärenten Schönheit, bewegt von äußeren Einflüssen und voller Erhabenheit. Wie ein Brautschleier schmiegt es sich um die Säule. Völlig unbeeindruckt. 

Doch was ist das Klassische, was ist das Schöne? Laut Hans-Georg Gadamer ist es das, was sich bewährt, sich immer wieder bewähren muss. Was ist Tradition? Tradition bietet auch einen Akt der Freiheit, in dem sie sich immer wieder mit Neuem verbindet.Nun stellt sich die Frage, ob dies auch für eine Ästhetik des Plastiks gilt. Fernab von Umweltgedanken, die natürlich berechtigterweise existieren. Für sich alleine stehend. Plastik hat sich bewährt, auch wenn nicht in dem Ausmaß, in dem sich z.B. griechische Plastiken, oder der antike Baustil bewährt haben. Man darf nicht vergessen, dass dieser Klassikbegriff, der unser Leben und unseren Geschmack — auch unseren Sinn für Schönheit — immer noch stark beeinflusst, primär durch eine männlich dominierte Kanonbildung geschaffen wurde. Giorgio Vasari war hier im16. Jahrhundert maßgeblich mit seinen Le vite dei più eccellenti pittori,scultori e architetti, 1568. Dieser Text kann in der westlich orientierten Kunstgeschichte als Gründungstext für einen Kunstkanon bezeichnet werden. Immer schon, um sich gegenseitig zu helfen, Stars der Kunstwelt in den Himmel zu heben. Gegenseitige Erhöhung und Überhöhung zu schaffen. Frauen wurden hier zwar erwähnt, aber hierarchisch und alleine durch die Art der Erwähnung abgewertet. 

Im 19. Jahrhundert galt Johann Joachim Winckelmann als Begründer des Klassizismus. In dieser Zeit entstanden auch die Säulen an dem Gebäude der Villa Rabl in Bad Hall, erbaut im Jahr 1866.
Die Tradition, die Erhabenheit der antiken Säulen nicht zu behelligen wird nun erweitert um Plastik — im Sinne eines Freiheitsmoments — ein Spiel mit Tradition als Form einer erweiterten Kommunikation. Eine Umwertung, nicht so stark wie Friedrich Nietzsche mit seiner Umwertung aller Werte, aber doch. Spielen ist erlaubt. 

Plastik kann griechisch anmutende Säulen mit einem Brautschleier versehen, umwickeln, umgarnen. Ein femininer Brautschleier, auf den ersten Blick passiv. Er lässt sich formen, schmiegt sich an. Doch er kann den Blick, den Fokus dominieren, aktiv. Die Art und Weise, wie er sich bewegt. Alleine die Unerhörtheit dieser Kombination hat Sogwirkung. Die Säule ist passiv, die stille Erhabenheit, wie Winckelmann es formuliert hat, lässt es mit sich geschehen. Kommuniziert. Eine Ode an das Plastik. Eine weibliche Schöpfung. Beides künstlich geschaffen, von Menschenhand. Ein Plastikkanon. Diese Schöpfungen, die künstlich durch menschliche Neugierde entstehen, durch Anhäufung von Wissen, Traditionsbildung- und Umformung bzw. Erweiterung. Wir wollen wissen.

Eine Anlehnung an die Entstehung des Ausdruckstanzes Anfang des 20. JH bzw. an eine ihrer bekanntesten Vertreterinnen — Mary Wigman — mit ihrem Hexentanz. Mary Wigman hatte sich mit ihrer Tanzschule damals gegen den klassischen Ballettkanon gewendet. Nebenbei bemerkt musste sie ihre Tanzschule im Zuge der Nazifizierung schließen, da ihr Ausdruckstanz zur entarteten Kunst abgestempelt wurde.
Hier dürfen die erhabenen Säulen dialektisch in Kontakt treten mit dem Fremden, dem Anderen. Eine sanfte Kommunikation. Manchmal nachdenklich, oft satirisch, voller Lust und in Bewegung spielt die Künstlerin sehnsüchtig mit dieser Kombination. Dazwischen: Erschöpfungspausen. Stereotype werden hinterfragt, humoristisch betrachtet und wieder in die Ästhetik zurückgeworfen. Ins Schöne, ins Klassische, Traditionelle, eben erweitert. 

Text: Birgit Schweiger, Mai 2022

August 2022: 

Erweiterung des Projekts um fotografische Dokumentation (Violetta Wakolbinger).„Befreiung“ des Aphroditetempels am Linzer Bauernberg. Entstehung eines weiteren Videos. In Planung ist auch eine Publikation der gesammelten Videos bzw. Locations.